Presse

Pressebericht der Nassauischen Neuen Presse vom 20. August 2012

NNP.Kopf

Dieses Kribbeln im Bauch

NNP-Mitarbeiterin Louisa Theresa Braun nutzte die Gunst des „Schnupperfliegens“

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, sang einst Reinhard Mey. Ganz so hoch kam das Segelflugzeug nicht, aber der Flug sorgte für ein tolles Geühl.

Von Louisa Theresa Braun

Elz. Mit Daniel Strobel am Steuer ließ sich Louisa Theresa Braun mit dem Segelflugzeug in den Himmel ziehen. Fotos: ltbBei blauem Himmel und 30 Grad Celsius betrete ich den Flugplatz in Elz, bereit für den Selbstversuch des ersten Segelflugs im Leben. Beim Überqueren der frisch gemähten Wiese, auf der schon fünf der motorlosen Flugzeuge bereit stehen, kann ich es kaum erwarten, endlich darin abzuheben. Im Cockpit des „Duo Discus D- 4169“ nimmt die Spannung weiter zu – solange bis sich das Seil straff zieht, der Flieger nach vorne schießt und die Nase schließlich gen Himmel zeigt.

Der beste Grund, um Segelfliegen als Hobby zu betreiben, ist mit Sicherheit der Start oder um genau zu sein, der Moment, in dem sich erst noch alles anfühlt wie immer und sich dann plötzlich ein Kribbeln, ausgehend vom Bauchnabel, im ganzen Körper breit macht. Alle meine Innereien schlagen einen freudigen Looping, ziehen mich nach unten und streben gleichzeitig nach oben. Ich erschrecke mich erst, wünsche mir dann, dass es immer weiter bergauf geht, doch dann, nach nur wenigen Sekunden, ist es vorbei.

 

400 Meter hoch über Elz

 

In drei Sekunden hat das an einer Seilwinde befestigte Kunststoffseil das Segelflugzeug von Null auf 100 km/h beschleunigt und in höchstens einer halben Minute auf eine Höhe von vierhundert Metern befördert. Nun geht es etwas gemächlicher weiter. Mit einem halben Meter pro Sekunde sinkt der kleine Flieger unablässig nach unten, begleitet von einem traurigen Summen der Maschine.

Einige wenige Male, in denen es meinem Piloten Daniel Strobel gelingt, aufstrebende Luftmassen ausfindig zu machen, spüre ich wieder einen Anflug des wohlbekannten Kribbelns im Bauch, das das Segelflugzeug mit einem hoffnungsvollen Piepen kommentiert, doch die sogenannte Blauthermik ist schlecht an diesem Tag. Das habe ich nun von dem schönen Wetter, nach nur sieben Minuten ist der Flug beendet. Trotzdem hatte ich genug Zeit, um die beeindruckende Aussicht auf Elz und die umliegenden Felder und Wälder zu genießen, über denen ich kreiste – wie ein Storch.

Denn auch Störche sind im Grunde natürliche Segelflieger, wie ich von Fluglehrer Malte Behrendt erfuhr. Der Unterschied besteht wohl darin, dass die langbeinigen Vögel notfalls immer noch mit den Flügeln schlagen können, während Daniel Strobel nichts anderes übrig blieb, als zu landen.

Weniger rasant als beim Start näherte sich das Flugzeug dem festen Untergrund, setzte sanft auf die asphaltierte Landebahn auf und bremste holprig im Gras ab. Gelohnt hat es sich trotzdem – allein für den Start!

 

Der Thermik auf der Spur

 

Das Gleiche denken sich wohl auch die Mitglieder der Elzer Flugsportgruppe, die unermüdlich immer wieder aufs Neue in einen der fünf Vereinsflieger steigen, sich von der Seilwinde in die Höhe ziehen lassen – alternativ kann hier auch das seltener angewendete Verfahren des Flugzeugschlepps genutzt werden – und eine kleine Runde nach der anderen drehen.

Bei guter Thermik könne man auch schon mal über acht Stunden in der Luft bleiben und über den Westerwald, den Vogelsberg, nach Koblenz oder noch weiter fliegen. Das perfekte Wetter dafür bestehe aus möglichst großen Temperaturunterschieden. Und das Beste ist, für den Fall, dass sich die Thermik doch einmal schlagartig verschlechtern sollte, dass es unter Segelfliegern keine Notlandungen gibt. „Landungen sind immer geplant“, behauptet Daniel Strobel, „wenn auch vielleicht manchmal eher kurzfristig, wenn man merkt, dass man nicht weiter kommt und dann eben auf dem nächsten Feld landet“.

Einen wirklichen Notfall gibt es also höchstens dann, wenn die Fallschirme zum Einsatz kommen, was so gut wie nie passiere, wie die Fluglehrer mich vor dem Start beruhigen, während sie den sieben Kilo schweren Fallschirm an mir festzurrten, mit dem ich mich kaum noch bewegen konnte. Eine wesentlich bequemere Vorsichtsmaßnahme gegen den wesentlich häufigeren Fall eines Sonnenstichs ist der weiße Sonnenhut, der zu tragen ebenfalls Pflicht ist.

 

Sicherheitsregeln

 

Zahlreiche weitere Sicherheitsregeln gelten auf dem elf Hektar großen Flugplatz, deren Einhaltung Malte Behrendt streng überprüft. Zum Beispiel darf nur hinter den Segelfliegern mit einer Spannweite von bis zu 20 Metern entlang gegangen werden, vor jedem Flug müssen die Funktionen des Steuerknüppels und der Fußpedale überprüft werden und für jeden Flug sollen im Idealfall sieben Leute bereitstehen: Neben dem Piloten und dem Fluglehrer gibt es noch den Flugleiter, der ähnlich einem Lotsen aus dem kleinen Türmchen am Rande der Wiese den Überblick über den Luftverkehr behält; den, der vom Feld aus Funkkontakt mit dem Piloten im Cockpit hat; den, der die Winde bedient; den, der die Segelflächen vor dem Start festhält, damit das Flugzeug nicht auf die Seite kippt und den Lepo-Fahrer. Auf die Frage, was denn ein „Lepo“ sei, antwortete Segelfliegerin Kerstin Schäfer nur: „Opel rückwärts.“

Und tatsächlich: Der Lepo ist ein Opel. Die Autofirma überlässt Flugplätzen traditionell ihre alten Fahrzeuge, die dafür genutzt werden, das Seilende, nachdem es sich vom Flugzeug gelöst hat und die 400 Meter zurück auf den Boden gefallen ist, wieder zurück zum Startplatz zu ziehen.

Wahlweise können auch die Segelflieger nach der Landung selbst wieder dorthin zurückgezogen werden, auch wenn Malte Behrendt es lieber sieht, wenn die Vereinsmitglieder ihre eigenen Kräfte nutzen um die bis zu 600 Kilogramm schweren Holz- oder Plastikflugzeuge zu schieben. „Wir sind genug Leute, damit jeder etwas tun kann, aber nicht zu viele, dass nicht jeder mithelfen müsste“, betont er, „Niemand sollte unnötig am Rand sitzen!“

 

Fliegerlager

 

Von den rund 100 aktiven Mitgliedern, sind momentan vor allem die Flugschülerinnen und -schüler auf dem Flugplatz vertreten, denn in der vergangenen zwei Wochen fand hier das Fliegerlager statt. Den Tag mit einem gemeinsamen Frühstück beginnend, wurde zwölf Stunden täglich die Technik der einzelnen Schüler verbessert.

So ein bis zu 2000 Euro teurer Segelflugschein ist in Theorie und Praxis noch viel komplizierter als jede Führerscheinprüfung: In sieben Fächern werden die Anwärterinnen und Anwärter auf den Flugschein vom Regierungspräsidium geprüft, 35 Flugstunden müssen sie mindestens absolviert haben sowie einen 50 Kilometer langen Alleinflug.

 

Weiche Knie

 

Bis dahin sitzt der Fluglehrer stets mit im Cockpit und kann, da der hintere Sitzplatz die gleichen Armaturen aufweist wie der vordere, notfalls immer eingreifen, ähnlich wie der Fahrlehrer im Fahrschulauto in brenzligen Situationen auf die Bremse tritt. „Vor dem ersten Alleinflug bekommen sogar die härtesten Jungs weiche Knie“, erzählt Kerstin Schäfer grinsend, „und am schwierigsten ist die Landung. Je mehr Übung man hat, desto kürzer werden die Landewege.“

Die 17-jährige Sophie Quirein, die seit drei Jahren fliegt, findet, dass der Start die meiste Konzentration erfordert, da das Kunststoffseil reißen kann bevor der Segelflieger die nötige Höhe erreicht hat. Da der Verein sich jedoch gerade neue Seile zugelegt hat, solle dies in Zukunft seltener geschehen.

„Aber wir haben diesen Fall zu Übungszwecken auch schon simuliert“, sagt Sophie Quirein, „Erst mal habe ich mich da natürlich ganz schön erschreckt, aber inzwischen weiß ich, wie ich zu reagieren habe.“

Als Schnupperfliegerin fühlte ich mich bei den lernenden und erfahrenen Mitgliedern der Flugsportgruppe Elz deshalb in den besten Händen. Ich wurde sicher in die Luft gebracht und anschließend wieder auf den Boden zurückgeholt. Segelfliegen ist natürlich nichts für schwache Nerven, Mägen oder Höhenangst. Es ist reines Fliegen, pures Adrenalin und natürlich das bezeichnende „Kribbeln im Bauch“.

 

Artikel vom . 20.08.2012, 06:06 Uhr, . Uhr (letzte Änderung . 20.08.2012, 06:06 Uhr, . Uhr)
NNP 1.8.2012